Achtsamkeit statt Aktionismus: Wie du gelassener durch die Wechseljahre kommst
Die Wechseljahre sind eine Zeit des Wandels. Sie verändern nicht nur den Körper, sondern häufig auch das emotionale Erleben, die eigene Wahrnehmung und den Blick auf das bisherige Leben. Während sich der Hormonhaushalt neu einpendelt und Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafprobleme, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen auftreten können, läuft das Leben im Außen zunächst einfach weiter und erwartet weiterhin, dass wir all unseren beruflichen, familiären und sonstigen Verpflichtungen nachkommen, Termine organisieren, für andere da sind und möglichst problemlos funktionieren.
Gerade deshalb erleben viele Frauen diese Lebensphase als besonders herausfordernd, weil zu den körperlichen Veränderungen häufig eine Vielzahl weiterer Themen hinzukommt: Die Kinder werden erwachsen und gehen ihre eigenen Wege, die eigenen Eltern benötigen möglicherweise zunehmend Unterstützung, berufliche Anforderungen bleiben bestehen und gleichzeitig entsteht bei vielen Frauen ein wachsender Wunsch danach, das eigene Leben bewusster zu gestalten und endlich auch den eigenen Bedürfnissen wieder mehr Raum zu geben.
Und genau an diesem Punkt entsteht häufig ein innerer Widerspruch: Einerseits spüren wir, dass etwas nicht mehr so läuft wie früher, andererseits versuchen wir gerade deshalb, noch mehr zu tun, noch mehr zu kontrollieren und möglichst schnell eine Lösung zu finden.
Wenn der Wunsch nach Kontrolle noch mehr Stress erzeugt
Wenn sich der eigene Körper plötzlich anders anfühlt und vertraute Routinen nicht mehr funktionieren, ist es vollkommen verständlich, dass wir nach Antworten und Lösungen suchen, denn niemand möchte sich dauerhaft erschöpft, schlaflos oder unausgeglichen fühlen und schon gar nicht das Gefühl haben, den eigenen Körper nicht mehr zu verstehen.
Wir lesen Ratgeber, suchen nach Tipps für besseren Schlaf, verändern unsere Ernährung, beginnen mit Sport, probieren Nahrungsergänzungsmittel aus oder versuchen, unseren Stress noch besser zu managen, und vieles davon kann sinnvoll sein, solange es uns tatsächlich unterstützt und nicht zu einer weiteren Aufgabe auf unserer ohnehin schon langen To-do-Liste wird.
Problematisch wird es dann, wenn aus dem Wunsch nach Selbstfürsorge ein ständiges Optimierungsprojekt entsteht und aus der Frage „Was tut mir gut?“ irgendwann die Frage „Was muss ich noch alles tun?“ wird.
Denn gerade wenn unser Nervensystem ohnehin stark gefordert ist, kann dieser innere Druck dazu führen, dass wir noch mehr leisten, kontrollieren und optimieren, obwohl unser Körper eigentlich nach etwas anderem verlangt, nämlich nach Ruhe, Sicherheit, Entlastung und dem Gefühl, nicht ständig etwas leisten oder verändern zu müssen.
Achtsamkeit bedeutet, zunächst wahrzunehmen
Achtsamkeit setzt genau hier an, denn sie lädt uns dazu ein, nicht sofort zu reagieren, sondern zunächst wahrzunehmen, was gerade tatsächlich da ist.
- Wie fühlt sich mein Körper heute an?
- Wie ist meine Stimmung, ohne dass ich sie sofort bewerten muss?
- Bin ich wirklich erschöpft oder vielleicht eher überreizt?
- Was brauche ich gerade und was glaube ich lediglich zu brauchen, weil ich denke, dass ich funktionieren muss?
Diese scheinbar einfachen Fragen können einen großen Unterschied machen, weil sie uns aus dem automatischen Reagieren herausführen und wieder in Kontakt mit unserem eigenen Erleben bringen.
Achtsamkeit bedeutet dabei keineswegs, körperliche Beschwerden einfach hinzunehmen oder auf medizinische Unterstützung zu verzichten, sondern vielmehr, die eigenen Erfahrungen bewusster wahrzunehmen und dadurch besser unterscheiden zu können, wann Handeln sinnvoll ist, wann Unterstützung notwendig ist und wann wir uns selbst vielleicht einfach eine Pause zugestehen dürfen.
Raus aus dem „Ich muss etwas tun“
Gerade Frauen, die über viele Jahre hinweg Verantwortung übernommen und gelernt haben, auch dann weiterzumachen, wenn es eigentlich schon zu viel war, kennen diesen inneren Antreiber besonders gut: Ich muss etwas tun.
Wenn ich schlecht schlafe, muss ich meine Abendroutine verändern, wenn ich erschöpft bin, muss ich mich mehr bewegen, wenn ich gereizt bin, muss ich mich besser zusammenreißen und wenn mein Körper sich verändert, muss ich etwas tun, damit er wieder so funktioniert wie früher.
Doch vielleicht darf an die Stelle dieses ständigen „Ich muss“ langsam etsas anderes treten, nämlich "Ich darf".
- Ich darf innehalten, auch wenn noch Aufgaben auf mich warten.
- Ich darf mich ausruhen, ohne mir diese Ruhe erst verdienen zu müssen.
- Ich darf wahrnehmen, dass heute weniger Energie zur Verfügung steht als früher.
- Und ich darf meine Bedürfnisse ernst nehmen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
Gerade darin liegt eine wichtige Form von Selbstfürsorge, die nicht darin besteht, noch mehr für sich zu tun, sondern manchmal darin, sich selbst die Erlaubnis zu geben, weniger zu tun.
Dein Körper ist kein Projekt, das optimiert werden muss
In den Wechseljahren entsteht leicht der Eindruck, der eigene Körper sei plötzlich zu einem Problem geworden, das möglichst schnell gelöst werden müsse, doch dein Körper ist kein Projekt, das ständig verbessert, kontrolliert oder optimiert werden muss, sondern ein lebendiger Teil von dir, der sich verändert und möglicherweise andere Bedürfnisse entwickelt als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.
Vielleicht braucht dein Körper heute mehr Schlaf, mehr Ruhe oder eine andere Form von Bewegung, vielleicht tut dir ein Spaziergang besser als ein intensives Training und vielleicht ist eine zehnminütige Pause am Nachmittag genau das, was dein Nervensystem braucht, um wieder aus der Anspannung herauszufinden.
Achtsamkeit hilft dir dabei, diese Signale wahrzunehmen, anstatt automatisch gegen sie anzukämpfen, denn wenn wir wieder lernen, unserem Körper zuzuhören, entsteht allmählich eine andere Beziehung zu ihm. Das kann eine Beziehung sein, die weniger von Kontrolle und mehr von Vertrauen geprägt ist.
Kleine Momente der Achtsamkeit im Alltag
Achtsamkeit muss dabei gar nicht bedeuten, dass du täglich lange meditieren oder deinen gesamten Alltag verändern musst, denn oft sind es gerade die kleinen Momente, in denen wir bewusst aus dem Autopiloten aussteigen, die langfristig einen Unterschied machen.
Du kannst beispielsweise vor dem nächsten Termin für einen Moment innehalten und drei bewusste Atemzüge nehmen, beim Spaziergang bewusst wahrnehmen, was du siehst, hörst und riechst, oder dich am Abend fragen, was du jetzt brauchst, um den Tag ruhig ausklingen zu lassen.
Solche kleinen Unterbrechungen schaffen einen inneren Zwischenraum, in dem du nicht sofort reagieren musst und in dem du wieder spüren kannst, was gerade wirklich wichtig ist.
Gelassenheit bedeutet nicht, dass alles leicht sein muss
Gelassen durch die Wechseljahre zu gehen bedeutet nicht, dass dich nichts mehr stresst, dass du keine Beschwerden hast oder dass du jede Veränderung einfach akzeptieren musst, sondern dass du lernst, nicht auf jede innere oder äußere Veränderung sofort mit Aktionismus zu reagieren.
Du hast viele Möglichkeiten, sei es, dich zu informieren, medizinische Unterstützung zu suchen, neue Dinge auszuprobieren und Entscheidungen zu treffen. Genauso kannst du aber beobachten, abwarten, innehalten und dir Zeit geben, bevor du wieder etwas verändern möchtest.
Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen dieser Lebensphase: Du musst nicht alles kontrollieren, um dich sicher zu fühlen.
Die Wechseljahre können eine Einladung sein, dein bisheriges Tempo zu überprüfen und dich zu fragen, welche Verpflichtungen, Gewohnheiten und Erwartungen heute noch zu dir passen und welche du vielleicht loslassen möchtest, weil sie zwar einmal sinnvoll waren, inzwischen aber mehr Energie kosten, als sie dir zurückgeben.
Weniger Aktionismus, mehr Verbindung
Die Wechseljahre sind kein Problem, das möglichst schnell gelöst werden muss, sondern eine natürliche Lebensphase, in der sich vieles verändert und in der gleichzeitig die Möglichkeit entsteht, das eigene Leben bewusster, achtsamer und selbstbestimmter zu gestalten.
Achtsamkeit kann dich dabei unterstützen, diesen Übergang nicht ausschließlich als eine Zeit körperlicher Beschwerden zu erleben, sondern auch als eine Einladung, wieder stärker mit dir selbst in Verbindung zu kommen, deine Grenzen wahrzunehmen, deine Bedürfnisse ernst zu nehmen und einen liebevollen Umgang mit deinem Körper und deinen eigenen Ressourcen zu entwickeln.
Vielleicht brauchst du deshalb nicht noch eine weitere Liste mit Dingen, die du tun solltest, sondern manchmal genau das Gegenteil: einen Moment, in dem du innehältst, bewusst atmest und dich fragst:
Was brauche ich jetzt wirklich?
Genau dort kann ein neuer Umgang mit dir selbst entstehen, der weniger getrieben ist, weniger kontrollierend und weniger geprägt von dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen, dafür aber bewusster, selbstbestimmter und mit mehr Vertrauen in dich und deinen eigenen Weg.
Sehr gerne unterstütze ich dich in dieser herausfordernden Phase, mehr Info dazu findest du hier.
Alles Liebe,
Silke











